Dein Kind ist gestorben. Es ist für immer weg. Eine grosse Lücke tut sich auf und verschluckt alles. Der Schmerz über den Verlust ist allgegenwärtig und stark. Dir stellen sich viele Fragen nach dem Warum. Früher oder später kommt eine Frage hinzu. Wie geht es weiter? Wie kann ich mit diesem Schmerz weiter leben? Geht das überhaupt?
Direkt nach dem tragischen Ereignis musst du einfach funktionieren. Eine Beerdigung muss organisiert, Trauerkarten gedruckt und verschickt, ein Termin für einen Gottesdienst gefunden, ein Grabstein ausgesucht werden und noch viele andere Dinge. Dinge, die Kraft kosten, die du in diesem Moment wahrscheinlich nicht hast. Nimm Hilfe in Anspruch von der Familie und Feunden! Du musst nicht alles selber machen.
Nie mehr lachen?
Irgendwann stellst du dir die Frage, ob du jemals wieder Freude empfinden oder gar lachen kannst. Diese Dinge scheinen dir jetzt unmöglich und du denkst vielleicht, dass du nie mehr in deinem Leben lachen wirst. Du wirst überrascht sein, wenn du später plötzlich lachen musst, zum Beispiel über einen Witz eine Arbeitskollegen. Du erschrickst vielleicht und es fühlt sich seltsam an. Mir ging es so. Aber du hast gelacht! Das ist ein wichtiger Schritt zurück zur Normalität, wenn man das so nennen möchte.
Die Trauer – dein enger Begleiter
Eines ist klar: Die Trauer wird immer da bleiben. Zuerst ist sie das omnipräsente Gefühl und fast permanent im Vordergrund. Aber mit der Zeit wird sie weniger und tritt in den Hintergrund. Ich weiss, das ist etwas, was du wahrscheinlich nicht hören willst. Du könntest die Wände hochgehen, wenn dir jemand sagt, dass mit der Zeit alles besser wird. Nichts wird besser! Ja und nein. Die Trauer und der Schmerz werden von nun an deine treuesten Wegbegleiter im Leben sein. Bis an dein Lebensende. Doch sie werden abnehmen. Und das ist auch gut so! Denn du lebst. Und es wäre schade, wenn du vor Schmerz und Trauer nie mehr Mensch sein könntest, der sich freuen kann und lachen. Lachen ist wichtig, denn es tut dir gut. Und Freude empfinden gibt dir gutes und positives Gefühl, das du bei all diesen negativen Emotionen dringend gebrauchen kannst. Und es gibt die Kraft. Kraft, die du brauchst, um mit der Situation umzugehen. Du wirst feststellen, dass mit der Zeit die Trauer nicht mehr ständig im Vordergrund steht. Manchmal kommt sie plötzlich, ausgelöst durch einen Trigger. Eine Erinnerung an dein Kind, die dir plötzlich in den Sinn kommt und die Tränen fliessen lässt. Lass diesen Moment der Trauer zu, unterdrücke ihn nicht! Diese Gefühle müssen sich einen Weg aus deinem Körper bahnen.
Umgang mit der Trauer
Wenn du Bücher über Trauer liest oder mit Menschen über dieses Thema sprichst, ist dir vielleicht schon der Begriff Trauerverarbeitung begegnet. Meine Psychologin sagte mir, dass dieser Begriff nicht korrekt ist, denn Trauer wird niemals verarbeitet – sie wird bearbeitet. Denn eine Verarbeitung setzt voraus, dass der Prozess irgendwann abgeschlossen ist. Das würde aber bedeuten, dass du dein Kind komplett vergisst. Und das passiert niemals. Deswegen wirst du lernen, mit der Trauer umzugehen, indem du sie bearbeitest. Zulässt, wenn sie kommt, ihr Raum gibst mit Ritualen, du dir Zeit nimmst für Gedanken und Erinnerungen an schöne Erlebnisse mit deinem Kind. Nimm dir diese Zeit bewusst und auch regelmässig.
Zurück ins Leben
Die erste Zeit hat dich dein Arzt vermutlich krank geschrieben. Aber irgendwann ist es wichtig und richtig, wieder arbeiten zu gehen, so schwer das auch fallen mag. Es ist wichtig, dass du Struktur in deinen Tag bekommst. Eine Aufgabe. Ablenkung von der Trauer. Denn zu Hause fällt dir irgendwann die Decke auf den Kopf. Die Gedanken drehen immer mehr und immer schneller ziehen dich nach unten – der Nährboden für eine Depression. Deine Leistungsfähigkeit wird vielleicht nicht da sein, wo du es gewohnt bist. Aber die Arbeit bringt dich auf andere Gedanken. Wenn du keine Arbeit hast, such dir Beschäftigung! Den ganzen Tag zu Hause sitzen und Trübsal blasen ist nicht gut. Eventuell nimmst du ein Hobby wieder auf, machst grosse Spaziergänge mit dem Hund, fängst an zu zeichnen oder malen oder beginnst damit, ein Tagebuch zu schreiben. Gartenarbeit ist auch eine prima Gelegenheit, sich abzulenken.
Familie
Wenn du weitere Kinder hast, ist es eventuell etwas einfacher, die Gedanken auf andere Dinge zu fokussieren. Denn deine Kinder haben einen Bruder oder eine Schwester verloren und brauchen jetzt viel Aufmerksamkeit und Liebe. Sei für sie da! Wenn sie klein sind, erkläre ihnen, was passiert ist. Unternimm etwas mit ihnen. Spiele mit ihnen. Sind sie schon älter, werden sie ihren eigenen Weg gehen, mit den Erlebnissen umzugehen. Denke daran, jeder reagiert anders auf solche Erlebnisse. Versuche dennoch, Normalität in den Alltag zu bringen und zum Beispiel Termine wahrzunehmen.
Positive Gedanken
Natürlich ist es einfacher, wenn man eine positive Grundeinstellung hat. Menschen, die immer nur schwarz sehen und sich negativ äussern, neigen tendenziell eher dazu, in ein Loch zu fallen und depressiv zu werden. Aber man kann es lernen, positiv zu denken. Das klingt jetzt wahrscheinlich wie Hohn in deinen Ohren. Ich habe mein Kind verloren und jetzt soll ich auch noch positiv deken?! Ja, denn es hilft dir enorm, dich aus dem Loch zu ziehen, das sich unter dir aufgetan hat oder gar nicht erst in diesen dunklen Strudel zu geraten. Das bedeutet nicht, dass du keine negativen Gedanken mehr hast. Wenn sie kommen, nimm sie wahr aber lass nicht zu, dass sie dich vereinnahmen und zum Energiefresser werden. Lass sie einfach vorüber ziehen. Dazu eignen sich Meditationsformen wie autogenes Training.
Loslassen
Dies ist mit Abstand der Punkt, mit dem ich am meisten Mühe hatte. Loslassen. Das Kind gehen lassen. Man will es nicht wahrhaben, kann nicht begreifen, dass das Kind nun für immer weg ist und nie mehr zurückkehrt. Der Verlust wiegt so schwer, dass man das Gefühl hat, selbst zu einem Teil gestorben zu sein. Aber statt an ihm festzuhalten, soll man das Kind ziehen lassen. Ich will nichts beschönigen. Es ist extrem schwer, diese Realität zu akzeptieren. Aber es bringt nichts, sich einzureden, dass das Kind nur für zwei Wochen bei den Grosseltern ist und dann wieder zurück kommt. Oder am Küchenfenster zu warten, wenn die Schule aus ist. Man macht sich nur selber etwas vor. Um die Realität zu akzeptieren, hilft oft religiöser Glaube. Zum Beispiel ein Leben nach dem Tod. Gedanken, dass das Kind nun im Paradies ist, an einem besseren Ort oder an Gottes Seite.